Nicht alles, was tabu ist, will gebrochen werden
Tabus haben einen schlechten Ruf. Sie gelten als rückständig, hemmend, unzeitgemäß. Gleichzeitig strukturieren sie unseren Alltag erstaunlich zuverlässig. In Familien, Organisationen, Nachbarschaften oder Teams gibt es Themen, über die man weiß, dass man sie besser nicht anspricht. Krankheit. Geld. Schuld. Angst. Macht. Tod. Oder das, was offiziell längst geklärt ist – sich aber nicht so anfühlt.
Tabus entstehen selten zufällig. Meist schützen sie etwas: Beziehungen, Rollen, Selbstbilder. Sie halten Spannungen in Schach. Das Problem beginnt dort, wo das Schweigen mehr kostet als das Aussprechen. Dann wirken Tabus nicht mehr stabilisierend, sondern lähmend.
Interessant ist: Tabus verschwinden nicht dadurch, dass man sie bricht. Wer sie frontal angreift, erntet oft Abwehr oder Rückzug. Wirkungsvoller ist es, ihre Funktion zu verstehen. Was darf hier nicht gesagt werden – und warum? Wem würde etwas zugemutet, wenn das Thema offen wäre? Und was wird gerade nicht verhandelt, obwohl es alle betrifft?
Bewusst mit Tabus umzugehen heißt deshalb nicht, sie sofort aufzulösen. Es heißt, sie wahrzunehmen. Sie als Signal zu lesen. Dort, wo Gespräche stocken oder auffällig glatt bleiben, liegt oft etwas Ungesagtes.
📌 Tabus sind Hinweise, keine Fehler
Sie zeigen, wo Unsicherheit, Verletzlichkeit oder Machtfragen liegen. Wer das erkennt, versteht mehr – auch ohne ein Wort zu sagen.
📌 Nicht jedes Tabu braucht ein Gespräch
Manche Themen sind (noch) nicht reif. Bewusstes Handeln heißt auch, den richtigen Zeitpunkt zu respektieren.
📌 Entlastung beginnt oft leise
Schon das innere Benennen eines Tabus verändert den Umgang damit. Klarheit entsteht nicht nur durch Worte, sondern durch Haltung.
Ein konstruktiver Umgang mit Tabus öffnet Wahlmöglichkeiten. Muss das Thema angesprochen werden – oder reicht es, die eigene Position zu klären? Geht es um Information, um Anerkennung oder um Grenzziehung? Wer diese Fragen für sich beantwortet, handelt freier.
💡 Impuls
Vielleicht liegt die eigentliche Kraft nicht darin, Tabus zu brechen. Sondern darin, ihnen bewusst zu begegnen – und selbst zu entscheiden, was gesagt werden muss. Und was (noch) nicht.
Weiterführend:

