– Warum Vergleiche Konflikte verschärfen – und Realität entlastet
Es gibt diesen hartnäckigen Satz, der in vielen Vorgesprächen fällt: „Bei uns ist es eben nicht normal.“ Gemeint sind Streit um Pflege, Funkstille zwischen Geschwistern, Patchwork-Reibungen, Erbneid oder alte Verletzungen, die plötzlich wieder aufbrechen. Fast immer folgt dann der Blick nach draußen: zu den „anderen Familien“, bei denen angeblich alles funktioniert.
Nur: Diese anderen gibt es nicht. Die „normale Familie“ ist weniger Wirklichkeit als Erzählung. Ein Idealbild., ein Fotoalbum ohne Tonspur. Und genau dieses Bild macht Druck.
📌 Vergleiche erzeugen Scham
Wer glaubt, nur die eigene Familie sei kompliziert, empfindet Konflikte als persönliches Scheitern. Dann wird nicht mehr offen gesprochen, sondern versteckt, relativiert oder geschluckt. Aus „Wir haben ein Problem“ wird „Mit uns stimmt etwas nicht“. Scham aber verhindert Klärung. Sie isoliert – und Isolation verschärft Konflikte.
📌 Familien sind keine Systeme der Harmonie, sondern der Geschichte
Wo Menschen Jahrzehnte miteinander verbunden sind, gibt es Rollen, alte Kränkungen, Loyalitäten, unerfüllte Erwartungen. Geschwister bleiben nicht neutral. Kinder werden nicht automatisch gerecht behandelt. Eltern sind nicht immer weise. Das ist kein Defekt. Das ist Biografie und gelebtes Leben. Konflikte sind daher kein Zeichen von Dysfunktion, sondern oft ein Zeichen von Bedeutung: Es geht um etwas.
📌 Das Ideal blockiert Lösungen
Wer an der Vorstellung festhält, „eigentlich müssten wir uns doch verstehen“, sucht keine praktikablen Vereinbarungen, sondern moralische Einigkeit. Doch Mediation arbeitet nicht mit Idealen, sondern mit Realität: Nicht: „Wie sollten wir sein?“ Sondern: „Wie können wir mit dem, was ist, gut umgehen?“ Erst wenn der Druck des Perfektseins wegfällt, entstehen Spielräume.
Viele Familien erleben genau hier eine spürbare Entlastung. Und zwar nicht, weil plötzlich alles harmonisch wird. Sondern weil niemand mehr beweisen muss, eine Bilderbuchfamilie zu sein. Ich darf unterschiedlich sein. Du darfst Grenzen setzen. Wir dürfen Lösungen finden, die nur „ausreichend gut“ sind.
💡 Fazit
Die „normale Familie“ ist ein Mythos. Wirklich tragfähig wird Zusammenleben dort, wo Menschen aufhören, sich zu vergleichen – und anfangen, ehrlich über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Nicht Perfektion schafft Frieden, sondern Realismus.
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